Stichellamellen | Steinzeit & Co

Stichellamellen

Stichellamellen

Finder Robert Grüttner und Roman Zimprich (rechts)

Sti­chell­amel­len wer­den auch als Sti­che­l­ab­fall be­zeich­net.1 Die Be­zeich­nung „Abfall“ ist un­glück­lich gewählt, denn sie im­pli­ziert, dass die Sti­chell­amel­len nicht wei­ter ge­nutzt wur­den. Tatsächlich fungierten Stichel zumindest gelegentlich auch als Lamellenkerne,2 um Stichellamellen gezielt zu produzieren und als Werkzeug zu nutzen.3 Im Jungpaläolithikum wurden Stichellamellen gelegentlich als Bohrer modifiziert,4 auch Rückenmesser aus Stichellamellen sind nachgewiesen.5 Darüberhinaus können Stichellamellen an den Enden Ausplitterungen oder Retuschen zeigen, die auf eine kratzende Verwendung hinweisen.

Liegen die Retuschen am Distalende und laufen quer zur Längsachse, handelt es sich um Reste einer Stoppkerbe, nicht um eine Werkzeugmodifikation.6 Der Großteil der Stichellamellen, insbesondere kleine Exemplare, wird beim Nachschärfen von Sticheln angefallen sein, in diesem Falle handelt es sich tatsächlich lediglich um Schlagabfälle.7

Stichelschlag, verändert nach José-Manuel Be­nito Álvarez

Stichelschlag, verändert nach José-Manuel Be­nito Álvarez

Stichellamellen haben einen dreieckigen oder rechteckigen Querschnitt. Hahn unterscheidet vier Typen:8

– Primäre, unretuschierte Stichellamellen

– Primäre, retuschierte Stichellamellen

– Sekundäre Stichellamellen

– Durchgeschlagene Stichellamellen

– Primäre, unretuschierte Stichellamellen sind entlang einer unmodifizierten Kante abgeschlagen und besitzen immer einen dreieckigen Querschnitt.

Primäre, unretuschierte Stichellamelle, Finder Robert Grüttner

Primäre, unretuschierte Stichellamelle, Finder Robert Grüttner

Primäre, unretuschierte Stichellamelle,

Primäre, unretuschierte Stichellamelle, Finder Robert Grüttner

– Primäre, retuschierte Stichellamellen zeigen am Dorsalgrat Retuschen, die vor dem Trennschlag getätigt wurden, um die Kante der Grundform zu versteifen9 und ihr die notwendige Wölbung zu geben, ähnlich dem Kernkantenklingenprinzip. Dadurch kann ein dreieckig bis trapezoider Querschnitt entstehen.

Primäre, retuschierte Stichellamelle, Finder Roman Zimprich

Primäre, retuschierte Stichellamelle, Finder Roman Zimprich

Primäre, retuschierte Stichellamelle, Finder Robert Grüttner

Primäre, leicht retuschierte Stichellamelle, Finder Robert Grüttner

– Sekundäre Stichellamellen besitzen einen rechteckigen Querschnitt, er kann quadratisch, rechteckig oder trapezförmig sein. Sekundäre Stichellamellen können auch Reste der Kantenmodifikation tragen, wenn der zweite Schlag weiter als der erste lief oder die Kantenmodifikation breiter als die erste Stichellamelle war.

Sekundäre, unretuschierte Stichellamelle

Sekundäre, unretuschierte Stichellamelle, quadratischer Querschnitt

Sekundäre, unretuschierte Stichellamelle, tapezoider Querschnitt

Sekundäre, unretuschierte Stichellamelle, tapezoider Querschnitt

– Durchgeschlagene Stichellamellen resultieren aus Schlagunfällen. Ein falscher Schlagwinkel kann dazu führen, dass die Stichelbahn in die falsche Richtung umbiegt und das Ende der Grundform mitnimmt. Gelegentlich finden sich auch Stichellamellen mit einer Kerbe, in diesem Fall endete der Stichelschlag nicht an der durch Retusche angelegten Stoppkerbe, sondern unterlief sie.

Kernfußähnliche, durchgeschlagene Stichellamelle

Kernfußähnliche, durchgeschlagene Stichellamelle

Gelegentlich ist der Schlagflächenrest facettiert, es handelt sich dann wohl um Reste einer Endretusche – Stichel an Endretusche.

  1. Joachim Hahn, Erkennen und Bestimmen von Stein– und Knochenartefakten, Archaeologica Venatoria, Band 10, Tübingen, 1991, S. 135
  2. vergl. Jörg Holzkämper, Die Konzentration IV des Magdalénien von Andernach-Martinsberg, Grabung 1994-1996, Teil I: Text, Dissertation, Köln, 2006, PDF, S. 102
  3. Lutz Fiedler/ G. und W. Rosendahl, Altsteinzeit von A bis Z, Publikationen der Reiss-Engelhorn-Museen, Band 44, WBG, Darmstadt, 2011, S. 355f
  4. Joachim Hahn, 1991, S. 186
  5. Jörg Holzkämper, 2006, PDF, S. 105 und 116
  6. Gerken, Klaus 2001: Studien zur jung- und spätpaläolithischen sowie mesolithischen Besiedlung im Gebiet zwischen Wümme und Oste. Archäologische Berichte des Landkreises Rotenburg (Wümme) 9, Oldenburg, 2001, S. 40
  7. vergl. Jörg Holzkämper, 2006, PDF, S. 102
  8. Joachim Hahn, 1991, S. 135f
  9. Gerken, Klaus, 2001, S. 40, Joachim Hahn, 1991, S. 135