Stichel

Mehrschlagstichel mit Stichelabfall, Gönnersdorf, Magdalénien

↑ Mehrschlagstichel mit Stichelabfall, Gönnersdorf, Magdalénien

Sti­chel an Bruch | Sti­chel an End­re­tu­sche | Mehr­schlagsti­chel | kom­bi­nierte Geräte | Dop­pel­sti­chel | Zwil­lings­sti­chel | Bogen­sti­chel | Kiel­sti­chel | Vachons­sti­chel | Noa­il­lessti­chel | Rayessti­chel | Cor­bi­acs­ti­chelQuer­sti­chel an Hohlkerbe | Lacansti­chel

Stichel weisen eine Sonderform der Retusche auf, den Stichelschlag. Die Stichelschneide wird entweder durch Schlagfläche und Stichelschlag gebildet oder durch sich kreuzende Stichelschläge. Mit ihm wird ein parallel zur Kante laufendes Negativ, die Stichelbahn angelegt, diese steht häufig rechtwinklig zur Ventralfläche.1

Stichelschlag, verändert nach José-Manuel Be­nito Álvarez

Stichelschlag, verändert nach José-Manuel Be­nito Álvarez

Die dadurch entstandene stabile Kante ist bei dem Gros der Stichel die Arbeitskante. Die früher verbreitete Ansicht, die Stichelschneide wäre das Funktionsende, trifft nur bei wenigen Sticheln zu.2 Erste Stichel treten schon im Acheuléen auf, scheinen aber nicht intentionell zu sein. Im Mittelpaläolithikum sind Stichel noch sehr selten, gelegentlich treten funktionale Stichel auf, d.h. stabile Bruchkanten wurden wie die Arbeitskante der Stichel verwendet, die Pradnikmesser besitzen einen Schneidenschlag, der der Sticheltechnik ähnelt.3 Erst im Jungpaläolithikum sind Stichel fester Bestandteil des Gerätespektrums. Sie treten häufig an Klingen oder geeigneten Abschlägen auf, oft wurden auch gebrochene oder unbrauchbare Werkzeuge zu Sticheln umfunktioniert. Stichel treten bis zum Ende des Mesolithikums auf, im Neolithikum fehlen sie.4

Die durch den Stichelschlag abgetrennte Lamelle ist der Stichelabfall oder Stichellamelle. Primäre Stichelabfälle haben einen dreieckigen Querschnitt, sekundäre einen rechteckigen.5 Gelegentlich wurden die Stichellamellen durch Retuschen zu Bohrern umfunktioniert. In diesen Fällen waren die Stichellamellen kein Abfall, sondern Zielprodukte, insofern ist der Begriff Stichelabfall unzutreffend und sollte nicht verwendet werden. Der Stichel kann neben der Werkzeugfunktion in diesen Fällen  eine Funktion als Lamellenkern haben. → Stichellamellen/-abfall

Stichellamelle

↑ Sekundäre Stichellamelle, Länge 32 mm

Stichel eignen sich zum Bohren, Schneiden, Schaben, Gravieren und Schnitzen.6 In den letzten Fällen wird der Stichel wie ein Ziehmesser verwendet.  Ritzungen in Geweih oder Stein werden dagegen mit der Schneide ausgeführt. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Herstellung der jungpaläolithischen Kleinplastiken, den gravierten Knochen- und Schieferartefakten, sowie der Herstellung der Geschossspitzen aus Knochen und Geweih. Auch Ritzzeichnungen in Höhlen wurden mit Sticheln ausgeführt. Vermutlich war ein großer Teil der Stichel, wie andere Werkzeuge auch, geschäftet. Der Nachweis von Schäftungen ist selten, da die organischen Griffmaterialien meist vergangen sind. Ein seltener Fund ist daher ein Mittelstichel, der in einen Zehenknochen eines Pferdes geklemmt wurde und als Kompositwerkzeug erhalten ist, Pekárna Höhle, Tschechien.

Stichel mit Griff aus Pferdephalange, verändert nach J. Jelinek 1972, Abb. 269

↑ Stichel mit Griff aus Pferdephalange, verändert nach J. Jelinek 1972, Abb. 269

Herstellung

Stichel an Bruch

Der Stichelschlag erfordert eine geeignete Plattform. Diese kann eine Bruchkante sein, Stichel an Bruch. Bosinski und Hahn zählen auch Stichel an Schlagflächenresten zu dieser Kategorie.7 Die Grundform kann eine Klinge oder ein geeigneter Abschlag sein. Gelegentlich kann durch Aneinanderpassungen belegt werden, dass diese Stichel an gebrochenen Werkzeugfragmenten angelegt wurden, auch retuschierte Bereiche, die nicht mit der Stichelfunktion in Verbindung stehen, weisen auf die Zweitverwendung hin.

Stichel an Bruch

Stichel an Endretusche

Durch gerade, schräge, konvexe oder konkave Endretusche kann ebenfalls eine Plattform für den Stichelschlag angelegt werden, Stichel an Endretusche. Eine Sonderform sind die → Lacanstichel.

Stichel an Endretusche

Mehrschlagstichel

Die Stichelschneide und -bahn wird durch mehrere, nebeneinanderliegende oder sich kreuzende Stichelschläge gebildet. Zusammensetzungen zeigen, dass auch Stichel an Endretusche eine mögliche Ausgangsform für Mehrschlagstichel sind. In diesen Fällen wurde ein weiterer Stichelschlag auf die Endretusche gesetzt. Weiterhin zeigen Zusammensetzungen, dass nachschärfende Stichelschläge keiner festen Regel folgen, dadurch kann die Ausrichtung der Stichelschneide zur Längsrichtung variieren.8

Mehrschlagstichel

Kombinierte Geräte

Gelegentlich sind Stichel auch mit anderen Werkzeugfunktionsenden kombiniert, es handelt sich dann um kombinierte Geräte, auch Kombinationswerkzeuge.

Stichel an Kostenkiende

Bezeichnung nach Lage der Stichelbahnen

Doppelstichel

Als Doppelstichel werden Geräte bezeichnet, die an beiden Enden Stichelfunktionsenden besitzen.9

Doppelstichel

Doppelstichel, Länge 124 mm, Finder Roman Zimprich

↑ Doppelstichel, Länge 124 mm, Finder Roman Zimprich

Zwillingsstichel

Liegen zwei Stichelbahnen an einem Ende, so spricht man von einem Zwillingsstichel. Gelegentlich treten auch doppelte Zwillingsstichel auf, diese haben vier Funtktionsenden.

Zwillingsstichel Bernd Hussner

↑ Zwillingsstichel © Bernd Hussner

 

Erste Stichel treten schon im Acheuléen auf, scheinen aber nicht intentionell zu sein. Im Mittelpaläolithikum sind Stichel noch sehr selten, gelegentlich treten funktionale Stichel auf, d.h. stabile Bruchkanten wurden wie die Arbeitskante der Stichel verwendet. Erst im Jungpaläolithikum sind Stichel fester Bestandteil des Gerätespektrums. Sie treten häufig an Klingen oder geeigneten Abschlägen auf.10

Stichel des Aurignacien

Bogenstichel

Im Aurignacien treten Bogenstichel auf, sie sind aus Grundformen mit kräftigem Querschnitt gefertigt, meist aus dicken Abschlägen. Der Stichelschlag ist durch eine große Stoppkerbe begrenzt. Typisch sind mindestens zwei gebogene Stichelbahnen. Bogenstichel sind vor allem in Frankreich und im westlichen Mitteleuropa verbreitet.10 Ein nicht seltener Schlagunfall ist die durchgeschlagene Stichellamelle. Statt an der Kerbe zu stoppen, läuft die Stichelbahn unter dieser durch. Die entsprechende Stichellamelle zeigt dann dorsal die Kerbe, durchgeschlagener Stichelabfall.12 Statt des beabsichtigten Bogenstichels handelt es sich dann um einen Durchschlagstichel.

Kielstichel

Kielstichel, burin caréné, besitzen eine, durch mehrere schmale, nebeneinander liegende Stichelschläge gebildete, leicht bogenförmige Stichelschneide. Möglicherweise dienten sie vorwiegend der Lamellenproduktion,13 in diesem Fall wären es Kerne, keine Stichel. Sie treten im Aurignacien häufiger auf als Bogenstichel, vereinzelt finden sie sich auch im Gravettien und Magdalénien.14

Vachonsstichel

Vachonsstichel sind oft an dickeren Kortexabschlägen gefertigt. Von einem geeigneten Negativ aus ziehen mehrere Bahnen auf die Ventralfläche. Eine flache Retusche verlängert die Stichelbahnen. Gebrauchsspurenanalysen mehrerer Exemplare ergaben die Verwendung als Geschossspitzen.15

Stichel des Gravettien

Noaillesstichel

Im Gravettien finden sich Noaillesstichel. Diese sind an dünnen Grundformen mit meist konkaver Endretusche gefertigt, die Verbreitung ist Südwestfrankreich und Italien.16 Fiedler bezeichnet sie als klein bis mikrolithisch.17

Rayesstichel

Rayesstichel sind an massiven Grundformen gefertigt, an einer Endretusche werden mehrere Stichelschläge geführt, die nach ventral ziehen. Die Plattform wird sekundär nachretuschiert. Ihre Verbreitung deckt sich mit den Noaillessticheln.18 Vermutlich handelt es sich hier um keine Stichel, sondern um Lamellenkerne. Die gewonnenen Lamellen tragen keine störenden Dorsalgarte.

Corbiacstichel

Ein Corbiacstichel besitzt eine Stichelbahn, die quer zur Achse der Grundform verläuft. Der Stichelschlag erfolgt auf die Lateralkante. Dadurch unterscheidet sich die Stichelbahn grundlegend von Biegebrüchen oder Trennschlägen auf einen Dorsalgrat. Die Kante, auf die der Stichelschlag erfolgt, ist wenig oder gänzlich unmodifiziert. Dadurch unterscheidet er sich von Quersticheln an Hohlkerbe. Auch die Form der Trennfläche unterscheidet sich von den üblichen Sticheln, an Stelle der Stichelschneide befindet sich eine Spitze. Bosinski und Hahn halten diese Stichelschläge zumindest  teilweise für mögliche Trennschläge, um Klingen zu verkürzen, räumen aber auch eine kratzerartige Funktion ein.19 Bordes kommt zu anderen Ergebnissen: Die Corbiacstichel tragen Gebrauchsspuren, insbesondere an der Spitze.20 Demnach handelt es sich um Werkzeuge. Diese Ansicht wird durch Nachschärfungsschläge gestützt. Bordes zeigt in Figur 3 mehrere kurze Klingenbruchstücke. Dabei handelt es sich um primäre Corbiacabschläge, in diesen Fällen ohne Gebrauchsspuren und sekundäre Abschläge, die der Nachschärfung dienten und an der Spitze Gebrauchsspuren tragen. Mehrfach sind Doppelstichel beschrieben, Figur 2, die in Corbiactechnik geschlagen wurden.21

Corbiacstichel, verändert nach Bordes, 1970, Tafel 2

↑ Corbiacstichel, verändert nach Bordes, 1970, Figur 2

Stichel des Magdalénien

Querstichel an Hohlkerbe

Im frühen Magdalénien treten hauptsächlich im Frankreich Querstichel an Hohlkerbe auf. Sie sind an dicken Abschlägen mit seitlicher Kerbe ausgeführt und laufen quer zur Längsachse der Grundform.22 Damit ähneln sie in Bezug auf den Verlauf der Stichelbahn den Corbiasticheln.

Lacanstichel

Lacanstichel finden sich an Klingen mit stark konischer, langgezogener Endretusche und werden oft fälschlicherweise als Zinken angesprochen.23 Zinken unterscheiden sich von Sticheln an Endretusche nicht nur in der langgezogenen Form, wichtigstes Merkmal ist die Tatsache, dass die Stichelbahn durch eine erneute Retusche gekappt wird24 und ein spitzes Funktionsende bildet. Somit gibt es drei Arbeitsschritte bei der Zinkenherstellung – Endretusche, Stichelschlag, Retusche der Spitzenpartie.25

Es kann sich bei Lacansticheln durchaus auch um Bohrer handeln. Das wesentliche Merkmal eines Stichels ist die stabile Kante/Spitze. Bei Lacansticheln ist durch die lang ausgezogene Endretusche die Stabilität zumindest im Spitzenbereich stark reduziert. Für die üblichen Arbeiten, die mit Sticheln ausgeführt wurden, erscheint dieser Typ wenig geeignet. Bei der Herstellung von feinen Bohrern ist stets die Bruchgefahr beim Retuschieren gegeben. Wird nur eine Seite retuschiert, die andere durch einen senkrecht geführten „Stichelschlag“ geformt, besteht keine Bruchgefahr, da die Kraft in eine andere Richtung wirkt. Zusätzlich erhält die Spitze eine annähernd dreieckige Form, das ist die stabilste, technisch machbare Form für steinerne Bohrerspitzen.

Zeichnungen mit freundlicher Genehmigung entnommen aus:  Holzkämper, Jörg (2006) Die Konzentration IV des Magdalénien von Andernach-Martinsberg, Grabung 1994-1996. Dissertation, Universität zu Köln. PDF

  1. Joachim Hahn, Erkennen und Bestimmen von Stein– und Knochenartefakten, Archaeologica Venatoria, Band 10, Tübingen, 1991, S. 133
  2. Joachim Hahn, 1991, S. 183
  3. Joachim Hahn, 1991, S. 184
  4. vergl. Birgit Gehlen, Die Silexgeräte des frühen Mittelneolithikums und der Rössener Kultur, in Floss (Hrsg.) Steinartefakte vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit, Tübingen 2012, Kerns Verlag, S. 735
  5. Joachim Hahn, 1991, S. 135
  6. Clemens Pasda, Stichel, in Floss (Hrsg.) Steinartefakte vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit, Tübingen 2012, Kerns Verlag, S. 426
  7. G. Bosinski/J. Hahn, Der Magdalénien-Fundplatz Andernach (Martinsberg), in Beiträge zum Paläolithikum im Rheinland, Rheinische Ausgrabungen, Band 11, Bonn, 1972, S. 133
  8. G. Bosinski/J. Hahn, 1972, S. 130ff
  9. Fiedler zählt auch Zwillingsstichel zu dieser Geräteklasse, Lutz Fiedler/ G. und W. Rosendahl, Altsteinzeit von A bis Z, Publikationen der Reiss-Engelhorn-Museen, Band 44, WBG, Darmstadt, 2011, S. 101
  10. Joachim Hahn, 1991, S. 184
  11. Joachim Hahn, 1991, S. 184
  12. G. Bosinski/J. Hahn, 1972, S. 135
  13. Fiedler et al, 2011, S. 186
  14. Joachim Hahn, 1991, S. 184
  15. Vor­trag Prof. Alfred Paw­lak, Zur mikro­sko­pi­schen Gebrauchs­spu­ren­ana­lyse an Stein­ge­rä­ten, 12.10.2011, Lan­des­mu­seum Bonn
  16. Joachim Hahn, 1991, S. 184
  17. Fiedler et al, 2011, S. 274
  18. Joachim Hahn, 1991, S. 184
  19. G. Bosinski/J. Hahn, 1972, S. 134
  20. Bordes François. Réflexions sur l’outil au Paléolithique. In: Bulletin de la Société préhistorique française. Comptes rendus des séances mensuelles. 1970, tome 67, N. 7. pp. 199-202, S. 200f, PDF
  21. F. Bordes, Observations typologiques et techniques sur le Périgordien supérieur de Corbiac (Dordogne), in Bulletin de la Société préhistorique française. Comptes rendus des séances mensuelles. 1970, tome 67, N. 4. S. 105-113. PDF
  22. Joachim Hahn, 1991, S. 185
  23. Joachim Hahn, 1991, S. 185
  24. Cle­mens Pasda, Sti­chel, in Floss (Hrsg.) Stein­ar­te­fakte vom Alt­pa­läo­li­thi­kum bis in die Neu­zeit, Tübin­gen 2012, Kerns Ver­lag, S. 422
  25. Holz­käm­per, Jörg (2006) Die Kon­zen­tra­tion IV des Mag­dalé­nien von Andernach-Martinsberg, Gra­bung 1994–1996. Dis­ser­ta­tion, Uni­ver­si­tät zu Köln, S. 107,  PDF