Schaber

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Morphologie und Verwendung

Schaber sind typische Werkzeuge des Mittelpaläolithikums und dort in allen Werkzeugindustrien vertreten.1 Schaber kommen an Abschlägen, seltener an Klingen vor,2 gelegentlich werden auch kantenretuschierte, diskoide Kerne als Schaber angesprochen.3 Nach ihrer Form werden Schaber in verschiedene Typen unterteilt, jedoch nicht nach ihrer Funktion. Mit Schabern wurde nicht nur geschabt, vielfach hatten sie auch eine schneidende Funktion, Gebrauchsspuren belegen beide Anwendungen,4 darüber hinaus wird eine dechselartige Verwendung geschäfteter Stücke vermutet.5 Dies schlägt sich jedoch nicht in entsprechend differenzierten Typenbezeichnungen nieder.

Schaber besitzen mindestens eine retuschierte Längskante oder ein retuschiertes Ende, Breitschaber.6 Die Retusche ist kontinuierlich und bildet eine lineare, regelmäßige Kantenkontur.7 Meist liegt die Arbeitskante an der Lateralkante der Grundform. Schaber sind typisch für das Mittelpaläolithikum, jedoch werden vereinzelt auch neolithische Stücke, die morphologisch Schabern entsprechen, als solche angesprochen.8 In der Regel handelt es sich bei diesen Artefakten jedoch um Messer mit einer bogenförmigen Arbeitskante.

Abgrenzung zu Kratzern

Schaber und Kratzer unterscheiden sich in der Lage und Gestalt ihrer Arbeitskante. Von Breitschabern abgesehen, liegt die Arbeitskante bei Schabern lateral. Bei Kratzern befindet sich die Arbeitskante hingegen an einer Schmalseite.9 Die Arbeitskante ist immer mehr oder weniger stark konvex, Kratzerkappe. Kratzer können zusätzlich lateral retuschiert sein, diese Stumpfungs- oder Formgebungsretuschen sind jedoch keine Arbeitskante.10Artikel: Kratzer

kratzer-schaber

In Norddeutschland orientiert sich die Facharchäologie an der dänischen Nomenklatur. Diese kennt nur Skraber = Schaber, da das Wort „kratzen“ im Dänischen nicht vertreten ist. Kratzer mit ausgearbeitetem Stiel, dänisch „Skeskraber“, wird in Norddeutschland als „Löffelschaber“ übersetzt.

Schabertypen

Als einfache Schaber werden Abschläge oder Klingen mit einer Retusche an einer Längskante bezeichnet.11

Breitschaber sind meist dicke Abschläge mit einer, dem Schlagpunkt gegenüber liegenden, retuschierten Arbeitskante.12 Verläuft diese schräg, spricht Hahn von einem schiefen Schaber.

Doppelschaber gleichen einfachen Schabern, haben jedoch zwei retuschierte, etwa parallele Kanten.13

Spitzschaber besitzen zwei aufeinander zulaufende, retuschierte Kanten, die eine in etwa mittig liegende Spitze formen.

Winkelschaber, auch Racloir déjeté, besitzen ebenfalls zwei retuschierte Kanten, die sich treffen, bei ihnen liegt die Spitze aber nicht in Richtung der Längsachse, sie weicht deutlich zur Seite ab.14

Blattförmige Schaber sind bifaciell, dorsal und ventral, retuschiert und besitzen im Gegensatz zu Blattspitzen nur eine sorgfältig retuschierte Kante.

Bifacielle Schaber ähneln den Blattförmigen in der Machart, besitzen aber keine Blattform.

Nach dem Kantenverlauf werden einfache Schaber zusätzlich in Geradschaber, Hohlschaber und Bogenschaber unterteilt. Sowohl die Schaberformen als auch die Kantenverläufe dürften zumindest teilweise das Ergebnis des Abarbeitungs- und Nachschärfungsprozesses sein.15

  1. Joachim Hahn, Erken­nen und Bestim­men von Stein– und Kno­chen­ar­te­fak­ten, Archaeo­lo­gica Vena­to­ria, Band 10, Tübin­gen, 1991, S.173
  2. Joachim Hahn, S. 169
  3. Eric Boëda, Steinartefakt-Produktionssequenzen im Mico­quien der Kulna-Höhle, in Quartär 1995, S. 82, PDF
  4. Jürgen Richter, in Floss (Hrsg.) Steinartefakte vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit, Tübingen 2012, Kerns Verlag, S. 285
  5. Joachim Hahn, S.172
  6. Hahn, S.169
  7. Jürgen Richter, 2012, S. 281
  8. Hahn, S. 169
  9. Claus-Joachim Kind, Krat­zer, in Floss (Hrsg.) Stein­ar­te­fakte vom Alt­pa­läo­li­thi­kum bis in die Neu­zeit, Tübin­gen 2012, Kerns Ver­lag, S. 415
  10. vergl. Ger­ken, Klaus 2001: Stu­dien zur jung– und spät­pa­läo­li­thi­schen sowie meso­li­thi­schen Besied­lung im Gebiet zwi­schen Wümme und Oste. Archäo­lo­gi­sche Berichte des Land­krei­ses Roten­burg (Wümme) 9, Olden­burg, 2001, S. 29
  11. Jürgen Richter, 2012, S. 282
  12. Jürgen Richter, 2012, S. 282
  13. Jürgen Richter, 2012, S. 282
  14. L. Fied­ler, G. Rosen­dahl, W. Rosen­dahl, Alt­stein­zeit von A bis Z, Publi­ka­tio­nen des Reiss-Engelhorn-Museum, Band 44, Darm­stadt, 2011, S. 331
  15. Hahn, S. 172