Retuscheure

Retuscheur, Tonschiefer, Finder Roman Zimprich

Retuscheur, Tonschiefer, Finder Roman Zimprich

Fundbeschreibungen → Retuscheure

Ein Retuscheur, franz. compresseur, enclume; engl. retoucher, dient der Kantenretuschierung von Steingeräten.1 Er kann aktiv oder passiv genutzt werden. Im ersten Fall trägt er Narbenfelder, die denen von Schlagsteinen ähneln,2 Fiedler bezeichnet sie als Schlag-Retuscheure.3 Die Lage der Narbenfelder ist im Gegensatz zu Schlagsteinen nicht terminal, sondern medial-flächig orientiert.4 Diese Narbenfelder entstehen, weil sich die scharfen Kanten in dem weicheren Retuscheur eindrücken und markante längliche und in sich unregelmäßige ausgeplatzte Teile hinterlassen, die oft von Schrammen begleitet sind.5 Bei längerer Benutzung entstehen so muldenartige Abnutzungen.6 Mit dem Retuscheur kann gedrückt oder geschlagen werden.7 Bei passiven Retuscheuren wird das zu retuschierende Objekt gegen den Retuscheur gedrückt,8 dadurch entstehen feine Absplisse, die feine, parallele Spuren hinterlassen.9 Meist liegen die Arbeitsspuren dann eher flächig-zentral.10

Überwiegend passiv genutzter Retuscheur

Überwiegend passiv genutzter Retuscheur, älteres Neolithikum

Retuscheure können aus Stein oder organischen Rohstoffen gefertigt sein.11 Organische Materialien sind: Knochen, Zähne, Geweih, Elfenbein.12 Im Moustérien treten Retuscheure aus Langknochensplittern mit medial quer orientierten Narbenfeldern und aus Phalangen (Zehenglieder) von Boviden (Rinderartige) und Pferden auf.13 Ausschließlich im Aurignacien wurden neben Knochen auch Eckzähne von Höhlenbären und Höhlenlöwen als Retuscheur genutzt, auch Geweihrosen von Hirschen wurden als Retuscheur zugerichtet, cousoir.14 Geweih und Knochen wurden bis ins Neolithikum hinein als Retuscheur genutzt, das belegen u.a. ein knöchernes Axtfragment aus Rübenacker 1 und die jungneolithische Geweihaxt von Sipplingen am Bodensee.15

"Schlag"-Retuscheur

„Schlag“-Retuscheur, aktiver Retuscheur, Frühmesolithikum

Steinretuscheure sind im Mittelpaläolithikum und Aurignacien selten, werden im weiteren Verlauf des Jungpaläolithikums häufig und kommen bis in das Neolithikum hinein vor.16 Es handelt sich um flache Gerölle aus weichen Gesteinen wie Tonschiefer, Quarzit oder Kalk.17 Fiedler bemerkt dazu: Doch könnte diese Beobachtung täuschen, weil sich Gebrauchsspuren dieser Art auf harten Gesteinsstücken aus Quarzit oder Gangquarz nicht leicht finden lassen.18 Weitere nachgewiesene Materialien sind vulkanischer Tuff, Schiefer, Serpentin, Amphibolit, Sandstein, quarzitischer Sandstein und Jaspis/“Silex“.19

Im Spätpaläolithikum und Mesolithikum sind Retuscheure manchmal mit bildhaften Ritzungen versehen. Ein vermutlich spätpaläolithischer Retuscheur aus Tonschiefer, Windeck, Rhein-Sieg-Kreis, trägt auf beiden Flächen neben Arbeitsspuren eingeritzte Tierdarstellungen.20 Ein wohl etwa zeitgleicher Retuscheur aus Geldrop, Mierlo/Niederlande, zeigt eine Frauendarstellung, „Venus van Mierlo“ genannt. → Foto. Auf etwa 10.000 BC wird ein Retuscheurfragment aus St. Odiliënberg, NL, datiert. Es zeigt Teile einer geometrischen Ritzung. → Foto.

Retuscheur, Mehrseitenansicht

Aktiver Retuscheur, undatiert

Im Neolithikum wurden auch Beilklingen oder -fragmente als Retuscheure genutzt.21 Bei Dechselklingen liegen die Retuschiernarben entweder seitlich oder dorsal/ventral, häufig an zwei Stellen, entweder gegenüberliegend oder benachbart.22

Anmerkung: Der gemeinhin als „Retuscheur“ bezeichnete Holzgriff mit eingelassenem Geweihspan des Mannes vom Hauslabjoch, Ötzi, ist ein Druckstab!

 

  1. Joa­chim Hahn, Erken­nen und Bestim­men von Stein– und Kno­chen­ar­te­fak­ten, Archaeo­lo­gica Vena­to­ria, Band 10, Tübin­gen, 1991,  S. 202
  2. Lutz Fied­ler, For­men und Tech­ni­ken neo­li­thi­scher Stein­ge­räte aus dem Rhein­land, in Rhei­ni­sche Aus­gra­bun­gen, Band 19, Bei­träge zur Urge­schichte des Rhein­lan­des III, Köln, 1979, S. 65
  3. Fiedler, 1979, S. 133
  4. Hahn, 1991, S. 298 und 301
  5. Hahn, 1991, S. 299
  6. Fiedler et al, Altsteinzeit von A bis Z, WBG, Darmstadt, 2011, S. 317
  7. Hahn, 1991, S. 301
  8. Fries-Knoblach, Silices-Die „Metalle“ der Steinzeit, PDF, 2001, S. , S. 184
  9. Fiedler, 1979, S. 65
  10. Fiedler, 1979, S. 132
  11. Jürgen Weiner, Retuscheure aus Stein, in Floss (Hrsg.) Steinartefakte vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit, Tübingen 2012, Kerns Verlag, S. 15
  12. Hahn, 1991, S. 299
  13. Hahn, 1991, S 301
  14. Hahn, 1991, S. 299
  15. Fiedler, 1979, S 132
  16. Hahn, 1991, S. 301
  17. Hahn, 1991, S. 301
  18. Fiedler, 1979, S. 132
  19. Jürgen Weiner, 2012, S. 15
  20. Sonja B. Grimm, Neue altsteinzeitliche Kunst aus dem Siegtal, in Archäologie im Rheinland 2005, Stuttgart 2006, S. 31ff,  PDF
  21. Fiedler, 1979, S. 127
  22. Fiedler, 1979, S. 132