Mahl-, Reib- und Schleifsteine

Mahlsteine | Reibsteine | SchleifsteineUmnutzungen

Die Begriffe Mahlstein, Reibstein und Schleifstein werden nicht einheitlich gebraucht. Gelegentlich ist eine genaue Zuordnung von Artefakten in eine Gruppe schwierig, die wechselnden Bezeichnungen beruhen jedoch meist auf falscher Ansprache. Beispiel: Die Reibplatten aus Rheindahlen werden in ein- und derselben Publikation, Lutz Fiedler / G. und W. Rosendahl, Altsteinzeit von A bis Z, Publikationen der Reiss-Engelhorn-Museen, Band 44, WBG, Darmstadt, 2011, auf Seite 229 als Mahlsteine, auf Seite 313 als Reibsteine,  auf Seite 338 als Schleifsteine bezeichnet!

Mahlsteine

Hier werden Stücke, die vornehmlich dem Mahlen von Getreide zu Mehl durch schiebend-ziehende Handhabung dienten, als Bestandteile von Schiebemühlen bezeichnet. Eine solche Schiebemühle bestand aus zwei Mahlsteinen, dem passiven Mahlstein, Unterlieger, und dem aktiv geführten Mahlstein, Läufer oder Oberlieger.1 Schiebemühlen traten in Deutschland mit dem Beginn des Neolithikums auf. → Artikel: Neolithische Mahlsteine

Schiebemühle

Schiebemühle, Unterlieger und Läufer

Rundmühlen traten in Deutschland erst im 2. Jahrhundert BC auf und ersetzten ab der römischen Kaiserzeit die Schiebemühlen. Bei Rundmühlen wird ein Stein kreisend über einen anderen bewegt.2 Zur besseren Abgrenzung wird hierfür der Begriff Mühlstein verwendet. → Artikel: Entwicklung der Getreidemühlen

Reibsteine

Als Reibplatten und Reibsteine werden hier Geräte bezeichnet, die nicht zur Mehlherstellung geeignet waren oder verwendet wurden – entweder wegen zu geringer Größe oder vorneolithischer Zeitstellung; sie dienten jedoch ähnlichen Zwecken. Mit ihnen wurden organische Stoffe, beispielsweise pflanzliche Kost wie Nüsse und Kräuter, und anorganische, wie Farbsteine, zerrieben, zermahlen oder zerquetscht. Reibplatten und -steine sind schon seit dem Mittelpaläolithikum belegt.3

Schleifsteine

Schleifsteine dienten insbesondere der Glättung und Formgebung organischer und steinerner Materialien, beispielsweise bei Knochengeräten und Schmuck; sie treten erstmals im Jungpaläolithikum auf. Schleifsteine mit schmalen Schleifrillen werden in Pfeilschaftglätter und Rillensteine unterschieden. Rillensteine4 und Pfeilschaftglätter5 sind ebenfalls seit dem Jungpaläolithikum belegt.

Schleifsteine für neolithische Beilklingen besitzen eine oder mehrere muldenförmige Schleifflächen, die vorwiegend dem Schliff der Breitseiten von Beilklingen dienten. Nicht selten finden sich im Randbereich oder seitlich längliche Nuten, in denen die Schmalseiten der Beilklingen geschliffen wurden. Es kommen neben Schleifwannen auch Schleifsteine vor, die lediglich dem Schliff der Schmalseiten dienten. In Frankreich wurden sehr viele solcher Schleifsteine für Beilklingen gefunden, sie werden dort Polissoir genannt. Kleine Exemplare werden polissoirs mobiles genannt. Es handelt sich um Schleifsteine, die transportabel waren. Davon abgegrenzt sind große, ortsfeste Polissoire. Diese, oft tonnenschwere Exemplare, zeigen meist sehr ausgeprägte Schleifrinnen und -mulden, die durch die Nutzung als Schleifstein über Generationen hinweg eingetieft wurden. Zur besseren Abgrenzung gegenüber sonstigen Schleifsteinen wird hier die französische Bezeichnung übernommen. → Artikel: Polissoire

Mobiler Polissoir zum Schleifen von Beilklingen

Mobiler Polissoir zum Schleifen von Beilklingen

Als Schleifsteine oder Schleifplatten werden hier Stücke angesprochen, die Flächen mit Schliff aufweisen, jedoch weder Geräte oder Schmuck sind und nicht unter den Begriff Polissoir fallen. Schleifsteine kommen schon im Jungpaläolithikum vor. Auf ihnen wurden organische und anorganische Materialien geschliffen. Im Neolithikum wurden kleinere Handstücke auch zum Nachschärfen von Beilklingen genutzt,6 denn beim Arbeitseinsatz entstehen an der Schneide von Feuersteinbeilklingen kleine Ausbrüche. Diese müssen durch Nachschleifen entfernt werden, ansonsten ist die Bruchgefahr deutlich erhöht. Vermutlich wurden die Schleifsteine beim Holzeinschlag mitgeführt, um die Klingen jederzeit nachschleifen zu können.

Umnutzungen

Oft sind bei Mahlsteinen Umnutzungen zu beobachten. Unterlieger wurden häufig zu Läufern umgearbeitet, wenn sie durch zu starke Abnutzung zerbrachen oder unbrauchbar wurden. Unterlieger- und Läuferfragmente wurden auch häufig als Schleifsteine oder Schlagsteine weiter verwendet.7 Bruchstücke wurden auch als Reibplatten zur Fabgewinnung genutzt, Farbreste belegen dies insbesondere im älteren Neolithikum.

Mahlsteinfragment mit Rötelspuren

Mahlsteinfragment mit Rötelabrieb

  1. Nicole Kegler-Graiewski, Mahl- und Schleifsteine, in Floss (Hrsg.) Steinartefakte vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit, Tübingen 2012, Kerns Verlag, S. 779; dies. Beile – Äxte – Mahlsteine. Zur Rohmaterialversorgung im Jung- und Spätneolithikum Nordhessens, Dissertation, Köln 207, S. 67, PDF
  2. Nicole Kegler-Graiewski, 2012, S. 783
  3. Lutz Fiedler/ G. und W. Rosendahl, Altsteinzeit von A bis Z, Publikationen der Reiss-Engelhorn-Museen, Band 44, WBG, Darmstadt, 2011, S. 229
  4. Joachim Hahn, Erkennen und Bestimmen von Stein– und Knochenartefakten, Archaeologica Venatoria, Band 10, Tübingen, 1991, S. 245
  5. Nicole Kegler-Graiewski, 2007, S. 74
  6. Lutz Fiedler, Formen und Techniken neolithischer Steingeräte aus dem Rheinland, in Rheinische Ausgrabungen, Band 19, Beiträge zur Urgeschichte des Rheinlandes III, Köln, 1979, S. 134
  7. Joachim Hahn, 1991, S. 241