Livres de Beurre | Steinzeit & Co

Livres de Beurre

Verschiedene Abbaustadien, Zeichnung von John Evans, The worked flints of Pressigny le Grand, in The Araeologica, Volume XI, 1868, Tafel 1

Verschiedene Abbaustadien, Zeichnung, verändert nach John Evans, The worked flints of Pressigny le Grand, in The Araeologica, Volume XI, 1868, Tafel 1

Ein Livre de Beurre ist ein spezieller Klingenkern mit einem bootsförmigen Umriss. Diese bis zu 40 cm langen Kerne dienten ausschließlich der Produktion extrem langer Klingen. Diese wurden zu Spandolchen weiterverarbeitet oder als Halbfabrikat gehandelt. Die Bezeichnung Livre de Beurre bedeutet „ein Pfund Butter“. Der Begriff wurde auf die Klingenkerne verwendet, da sie den in Modeln gepressten Butterstücken ähnelten.

Livre de Beurre

Livre de Beurre

Die Kerne wurden in spezieller Weise präpariert. Entlang beider Längskanten wurden bis zur Mitte reichende Abschlagserien angelegt. Der so entstandene Mittelgrat diente als Leitgrat für die erste Klinge. Bevor diese abgetrennt wurde, erfolgte eine Schlagflächenreduktion, sodass der Schlagpunkt einige Millimeter vorragte.

Schlagflächenpräparation

Schlagflächenpräparation

Nachdem die erste Klinge abgetrennt war, wurde ein Grat des Negativs als neuer Leitgrat gewählt und ein neuer Schlagpunkt frei präpariert. Dieser Vorgang wiederholte sich einige Male. Dabei verlor der Kern mit jeder geschlagenen Klinge an Länge. Der unmittelbare Randbereich wurde materialbedingt nicht abgebaut. Nach der ersten Serie wurde die Abbaufläche erneut präpariert, indem wieder Abschläge von den Seiten her geführt wurden. Klingenserien und Präparationen wechselten sich ab, bis der Kern erschöpft war oder keine Klingen mehr in gewünschter Länge und Qualität geschlagen werden konnten.

Abbauschema

Abbauschema

Diese Technik ähnelt nur ansatzweise der neolithischen Form der Klingentechnik. Bei der herkömmlichen Klingentechnik wird die Kernkante durch wechselseitig geführte Abschläge geformt, die Negative laufen also von der Kernkante weg. Bei den Livres de Beurre hingegen wird der Leitgrat durch aufeinander zulaufende Negative geformt.

Schlagrichtungen, schematisch

Schlagrichtungen, schematisch

Die entgegengesetzte Orientierung der Negative stellt eine Besonderheit dar. Die Präparation der Abbaufläche durch randlich geführte Abschläge ähnelt stark der Levalloistechnik des Mittelpaläolithikums. Auch dort wurde durch Abschläge von den Rändern zur Mitte hin eine aufgewölbte Abbaufläche geschaffen. Allerdings wurde nur ein Zielabschlag getätigt. Die Abbaumethode der Livres de Beurre vereint somit die levalloisähnliche Präparation der Abbaufläche mit der klassischen Klingentechnik.

Zweiseitig abgebautes Livre de Beurre.

Links

Bernard Ginelli schlägt eine Klinge von einem Livre de Beurre