Kratzer

Neolithische Kratzer

Diverse neolithische Kratzer zwischen 14 und 103 mm Länge

Abgrenzung zu Schabern | Verwendung und Verbreitung | Groszaki Kratzer | Klingenkratzer | Doppelkratzer | Kielkratzer | kurze Kratzer | Rundkratzer | Daumennagelkratzer | Abschlagkratzer

Abgrenzung zu Schabern

Kratzer sind Klingen oder Abschläge, die eine durch Retuschen modifizierte, konvex gebogene Schmalseite besitzen, Kratzerkappe, diese Modifikation ist die Arbeitskante.1 Sie können zusätzlich laterale Retuschen zur Stumpfung oder Formgebung tragen.2

Schaber hingegen besitzen eine modifizierte Längskante3 oder ein retuschiertes breites Ende,4 dadurch unterscheiden sich beide Artefakttypen grundlegend in der Lage der Arbeitskante. Kratzen und Schaben bezeichnen die gleiche Tätigkeit, Spanabtrag.5Artikel: Schaber

kratzer-schaber

Verwendung und Verbreitung

Kratzer sind typisch für das Jungpaläolithikum und alle nachfolgenden Epochen, davor treten sie selten auf.6 Gebrauchsspurenanalysen belegen einen ziehend-kratzenden Gebrauch bei der Bearbeitung organischer Materialien wie Holz, Knochen, Leder, Häute, Elfenbein und Geweih.7 Kratzer weisen als häufigste Gebrauchsspur ventral am Kantenverlauf eine Gebrauchspolitur auf, Verrundungen können von mit Polituren oder Rissen und Aussplitterungen begleitet sein.8 Experimentelle Versuche ergaben keine Verrundungen bei der Holz- und Knochenbearbeitung, wohl aber beim Schaben von Schiefer, Sandstein, Hämatit und Basalt.9

Kratzerkappe

Kratzerkappe

Groszaki Kratzer, kleine bis sehr kleine Rundkratzer zwischen 1 bis 4 cm,  datieren in das Mittelpaläolithikum. Die Retuschen können dorsal, ventral oder dorsoventral ausgeführt sein, sie variieren von marginal, flächig bis kratzerähnlich.10 Es ist fraglich, ob es sich tatsächlich um Kratzer handelt. Betrachtet man das übliche Werkzeugspektrum, so fallen die Groszaki Kratzer durch ihre geringe Größe aus dem Rahmen. Auch die sehr sorgfältige kreisförmige Formgebung fällt auf. Es ist bisher keineswegs geklärt, ob es sich um Geräte mit einer Arbeitskante oder Artefakte mit Formgebungsretuschen handelt.

steinzeit

Groszaki Kratzer, Micoquien

Klingenkratzer sind die wichtigsten Geräte im Jungpaläolithikum.11Zeichnungen: Klingenkratzer. Das Kratzerende ist bei Klingenkratzern eine meist schwach konvexe Endretusche. Ist die Retusche gerade oder schräg angelegt, spricht man von einer Endretusche.

Klingenkratzer, Magdalénien, Museum Zitadelle Jülich

Klingenkratzer, Magdalénien, Museum Zitadelle Jülich

Klingenkratzer, seltener Abschlagkratzer, können auch beidendig retuschiert sein, es handelt sich dann um Doppelkratzer. Diese weisen meist nur eine wirklich sorgfältig gearbeitete Kappe auf.12

Doppelkratzer, Michelsberg

Doppelkratzer, Michelsberger Kultur

Die Kratzerkappe kann flach bis steil retuschiert sein, wobei durch Nachschärfungen die Retusche steiler wird. Die Retuschen sind immer nach dorsal ausgeführt.13 Die Verwendung unretuschierter Klingen führt zu Gebrauchsspuren, die sich von einer intentionellen Retusche nicht unterscheiden.14 Durch häufiges Nachschärfen oder Bruch nimmt die Länge der Klingenkratzer ab. Die Länge ist kein Unterscheidungskriterium.15 Die Lateralkanten der Klingenkratzer können unmodifiziert sein oder eine flache bis steile Retusche tragen, partiell oder auf ganzer Länge.16

Ist die Retusche lamellenartig ausgeführt, so spricht man in Jungpaläolithischen Inventaren von Kielkratzern, die sind zusammen mit Nasenkratzern im Aurignacien besonders häufig sind.17

Kielkratzer, nach Wikimedia José-Manuel Benito

Kielkratzer, nach Wikimedia José-Manuel Benito

Bei kurzen Kratzern ist die retuschierte Arbeitskante größer als die Gesamtlänge des Gerätes, läuft aber nicht komplett rundum.18 Rundkratzer sind vollständig oder nahezu vollständig rundum retuschiert. Es ist nicht immer klar, ob es sich um abgearbeitete Klingenkratzer oder Abschlagkratzer handelt.19 Kurze Kratzer treten ab dem Spätpaläolithikum auf, in Europa ab dem Mesolithikum.20 Mesolithische kurze Kratzer sind im Gegensatz zu neolithischen meist rundum retuschiert. Kleinformen unter 3 cm werden als Daumennagelkratzer bezeichnet.21

Rundkratzer

Rundkratzer

Neolithische Abschlagkratzer haben ein großes Formenspektrum. Sie können rundlich, gestreckt, eckig, spitz und zinkenartig sein.22 Kratzer können auch aus Rindenabschlägen gefertigt sein.23 Relativ große Kratzer aus Rindenabschlägen, hauptsächlich aus Rijckholt Feuerstein sind typisch für die Michelsberger Kultur.

Abschlagkratzer, Michelsberger Kultur

Abschlagkratzer, Michelsberger Kultur

Die Form der Kratzerstirn kann zur Chronologiebestimmung (bedingt) herangezogen werden. So sind die Kratzerkappen in der Bandkeramischen Kultur häufiger nur schwach gebogen, zum Jungneolithikum nimmt die Biegung zu. Auch die Übergänge von Lateralkante und Kratzerstirn ändern sich im Laufe der Zeit. 50% der altneolithischen Kratzer zeigen deutlich abgesetzte Ecken. Im Mittelneolithikum sinkt der Anteil auf 35%, im Jungneolithikum beträgt er nur noch 7%; Eine rundbogige Kratzerstirn, ohne erkennbare Übergänge besitzen nur 20% der Bandkeramischen Kratzer, im Jungneolithikum sind es 90%.24

  1. Claus-Joachim Kind, Kratzer, in Floss (Hrsg.) Steinartefakte vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit, Tübingen 2012, Kerns Verlag, S. 415
  2. vergl. Gerken, Klaus 2001: Studien zur jung- und spätpaläolithischen sowie mesolithischen Besiedlung im Gebiet zwischen Wümme und Oste. Archäologische Berichte des Landkreises Rotenburg (Wümme) 9, Oldenburg, 2001, S. 29
  3. Jürgen Richter, in Floss (Hrsg.) Steinartefakte vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit, Tübingen 2012, Kerns Verlag, S. 281; Claus-Joachim Kind, 2012, S. 415; Gerken, Klaus, 2001, S. 31
  4. Joachim Hahn, Erkennen und Bestimmen von Stein– und Knochenartefakten, Archaeologica Venatoria, Band 10, Tübingen, 1991, S. 169
  5. Klaus Beckhoff, „Schaber“ oder „Kratzer“, in Gripp, Schütrumpf, Schwabedissen (Hrsg.), Frühe Menschheit und Umwelt, Teil 1, Köln, 1970, S. 6
  6. Joachim Hahn, 1991, S. 177
  7. Joachim Hahn, 1991, S. 178f
  8. Lutz Fiedler, For­men und Tech­ni­ken neo­li­thi­scher Stein­ge­räte aus dem Rhein­land, in Rhei­ni­sche Aus­gra­bun­gen, Band 19, Bei­träge zur Urge­schichte des Rhein­lan­des III, Köln,1979, S. 98
  9. Lutz Fiedler, 1979, S. 99f
  10. Lutz Fiedler/ G. und W. Rosendahl, Altsteinzeit von A bis Z, Publikationen der Reiss-Engelhorn-Museen, Band 44, WBG, Darmstadt, 2011, S. 144
  11. Martin Heinen/Willy Schol, Die urgeschichtliche Besiedlung des Mönchengladbacher Raumes, in Loca Desiderata, Köln 1994, S. 136
  12. Lutz Fiedler, 1979, S. 97
  13. Lutz Fiedler,  1979, S. 96
  14. Lutz Fiedler, 1979, S. 69
  15. Lutz Fiedler, 1979, S. 97
  16. Lutz Fiedler, 1979, S. 96
  17. Joachim Hahn, 1991, S. 177
  18. Lutz Fiedler et al, 2011, S. 198
  19. Lutz Fiedler, 1979, S. 97
  20. Joachim Hahn, 1991, S. 179
  21. Klaus Gerken, 2001, S. 31; Joachim Hahn, 1991, S. 179
  22. Lutz Fiedler, 1979, S. 97
  23. Lutz Fiedler, 1979, S. 98
  24. Lutz Fiedler, 1979, S. 106