Diskoide Kerne

Linsenförmiger Kern

Linsenförmiger Kern, nach W.Schol 1

Diskoide Kerne besitzen einen rundlich bis linsenförmigen Querschnitt. Die Umrissform ist nicht zwingend rund, sie kann auch oval, vieleckig, segmentförmig oder dreieckig sein.2 Sie besitzen zwei gegenüberliegende, winklig zueinander stehende3 Abbauflächen, die Abschläge können wechselseitig oder bevorzugt von einer Abbaufläche gewonnen werden, der Abbau der Abschläge erfolgt vom Kernrand in Richtung der Kernmitte, zentripetal.4

Diskoider Kern, linsenförmiger Querschnitt

Diskoider Kern, linsenförmiger Querschnitt

Ein Negativ der einen Abbaufläche dient als Schlagfläche beim Abbau der anderen. Mit jedem neuen Abschlag wechselt die Schlagfläche entsprechend. Einige Restkerne weisen eine feinere Kantenbearbeitung auf, sodass eine Nutzung als Werkzeug möglich ist.5 Die diskoide Kerntechnik tritt schon im Altpaläolithkum auf und ist im Mittelpaläolithikum gut belegt.6 Sie tritt auch noch im Neolithikum gelegentlich auf.7 Neben diskoiden Kernen Sensu stricto treten oft Exemplare mit asymmetrischem Querschnitt auf, die Unterseite ist stärker gewölbt und trägt oft mittig noch Kortexreste, die eigentliche Abbaufläche ist die flachere Oberseite.8

Unterseite mit Kortex

Unterseite mit Kortex, nach W. Schol 9

Die Abbautechnik von diskoiden Kernen mit einer Abbaufläche ähnelt der Levalloistechnik. Allerdings ist die Zielsetzung eine andere. Bei der Levalloistechnik werden randlich Abschläge so gesetzt, dass eine aufgewölbte Abbaufläche entsteht. Diese Abschläge sind Präparationsabschläge, nur der Levalloisabschlag selbst ist der Zielabschlag.10

Levalloistechnik, verändert nach Wikipedia

Levalloistechnik, verändert nach Wikipedia José-Manuel Benito Álvarez

 

Bei diskoiden Kernen sind die umlaufend geschlagenen Abschläge allesamt Zielabschläge, von möglichen Korrekturabschlägen abgesehen. Boëda meint sogar unterschiedliche Zielabschlagtypen zu erkennen,11 Hahn hingegen bezeichnet diese Abschlagtechnik als zwischen Abschlagmethoden mit und ohne Vorherbestimmung stehend.12 Die so entstandenen Abschläge wurden selten modifiziert, tragen aber oft Gebrauchsretuschen.13

Gelegentlich wurden Levalloiskerne in diskoide Kerne umgewandelt.14 Dies lässt sich auch bei anderen Kernformen beobachten. Meist handelt es sich dabei um Kerne mit Störungen, die auf herkömmliche Weise nicht weiter abgebaut werden konnten. Um die Kerne voll auszunutzen, wurde die Schlagfläche zur Abbaufläche.15 Die Negative der ursprünglichen Abbaufläche dienten dann als Schlagflächen für die umlaufenden Abschläge. Kennzeichen dieser umgenutzten Kerne sind die gekappten Negative der ursprünglichen Abbaufläche.

Umgenutzter Kern

Umgenutzter Kern mit gekappten seitlichen Negativen

  1. Willy Schol, Mittelpaläolithische Fundplätze in Körrenzig, Stadt Linnich (Rheinland), Bonner Jahrbücher, 1974, 174, S. 408ff
  2. Lutz Fiedler/ G. und W. Rosendahl, Altsteinzeit von A bis Z, Publikationen der Reiss-Engelhorn-Museen, Band 44, WBG, Darmstadt, 2011, S. 96f
  3. Marcus Beck, Die Steinartefakte aus dem Großen Schulerloch (Grabung Birkner 1915) – Zur Rekonstruktion von Inventaren sowie zur Frage der kulturellen und chronologischen Einordnung eines alt gegrabenen Fundmaterials auf der Basis archäologischer Methoden, Dissertation, Nürnberg 2006, S. 50, PDF
  4. Fiedler et al, S. 97f
  5. Lutz Fiedler, Zur Formenkunde, Verbreitung und Altersstellung altpaläolithischer Geräte, in Quartär, 1985, S. 84, PDF
  6. Lutz Fiedler, 1985, S. 84
  7. Joachim Hahn, Erkennen und Bestimmen von Stein– und Knochenartefakten, Archaeologica Venatoria, Band 10, Tübingen, 1991, S. 75
  8. Joachim Hahn, 1991, S. 75
  9. Willy Schol, Mittelpaläolithische Fundplätze in Körrenzig, Stadt Linnich (Rheinland), Bonner Jahrbücher, 1974,  174, S. 408ff
  10. Joachim Hahn, 1991, S. 71ff
  11. Eric Boëda, Steinartefakt-Produktionssequenzen im Micoquien der Kulna-Höhle, in Quartär 1995, S. 94ff, PDF
  12. Joachim Hahn, 1991, S. 75
  13. Lutz Fiedler, 1985, S. 84
  14. Joachim Hahn, 1991, S. 75
  15. vergleiche Joachim Hahn, 1991, S. 75