Blattspitze, Sze­le­tien

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    Blattspitze 1, Kieselschiefer
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    Blattspitze 1, Zeichnung
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    Blattspitze 2, Fragment
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    Blattspitze 2, Zeichnung
 
 
 
 

Die Blattspitze (1) hat die Maße 49/35/9 mm. Das Fragment (2) ist noch 35/30/7 mm groß.

 

Von Marc Hirt

Der Fundplatz der Blattspitze  befindet sich in Nordhessen  auf einer Geländezunge in Wassernähe.

Er wurde in den 70-ger Jahren von einem Schüler entdeckt, der einige wenige Artefakte einsammelte. Daraufhin wurden dort von einem ehrenamtlichen Denkmalpfleger dutzende Stücke jung- und mittelpaläolithischer Machart aufgelesen, die in den 80-ger Jahren das Interesse von Herr Dr. Fiedler weckten, der zu dieser Zeit zuständiger Kreisdenkmalpfleger war. Er dachte schon damals an eine Grabung.

In den 90-ger Jahren führte er mit Dr. Bosinski und Dr. Justus eine Feldbegehung durch, in deren Verlauf erneut Stücke gefunden wurden. Danach wurde von den Beteiligten erneut eine Grabung ins Auge gefasst, die jedoch bis heute nicht erfolgt ist.

Der Platz ist in einigen Publikationen nur beiläufig erwähnt worden, da Herr Fiedler den Platz schützen wollte. Auch hier sollen die genauen Koordinaten unveröffentlicht bleiben, damit unkontrolliertes Absammeln durch Unbefugte vermieden wird.

Nachdem der Platz nun schon seit 20 Jahren nicht mehr betreut wurde, begann ich Ende der 90-ger Jahre damit, den Platz regelmäßig abzusuchen, wenig später unterstützt durch einen Kollegen. In kurzer Zeit fanden sich einige Tausend Artefakte. Alle Funde wurden von uns ordnungsgemäß dem Landesamt für Denkmalpflege gemeldet und Herrn Prof. Dr. Fiedler gezeigt, dem besten Kenner des hessischen Paläolithikums.

Die Artefakte verteilen sich auf mehrere Kulturstufen. Der grösste Teil der Artefakte gehört den sogenannten Übergangskulturen (hier evtl. Szeletien) und dem Jungpaläolithikum an. Vom Jungpaläolithikum liegen wahrscheinlich Artefakte des Aurignacien sowie des Gravettien vor. Dazu gesellen sich Stücke des späten Mittelpaläolithikums, insbesondere des Pradnik-Micoquien sowie des MTA.

Das Pradnik-Micoquien ist durch ein Pradnikmesser und einen Pradnikschneidenabschlag nachgewiesen. Die Stücke sind aus Kieselschiefer gefertigt.

Das MTA ist vertreten durch herz- und tropfenförmige Faustkeile, rückengestumpfte Messer, verschiedene Spitzen- und Schabertypen, Kratzer, Groszaki und Stichel. Sie fanden sich in einem begrenzten Radius von ca. 10 qm. Der Bereich grenzt sich deutlich von den Stellen der anderen Kulturstufen ab. Das Material besteht aus Flint, Quarzit, Lydit und vulkanischen Gesteinen. Ein kleinerer Prozentsatz ist aus lokalen Vorkommen gefertigt, der überwiegende Teil aber stammt aus entfernteren Regionen.

 Zu den Blattspitzenkulturen (Szeletien) können zwei kleinere Blattspitzen und eine fragmentierte Jerzmanovice-Spitze gerechnet werden. Während die Blattspitzen aus Kieselschiefer bestehen, ist das Fragment der Jerzmanovice-Spitze aus weiss patiniertem Feuerstein.

Das Aurignacien scheint durch einige Kiel- und Nasenkratzer belegt zu sein. Dazu kommen gekerbte Klingen und derbe Stichel. Diese Geräte bestehen in erster Linie aus Kieselschiefer und weiss patiniertem Feuerstein, seltener aus Quarzit.

Ein großer Teil der jungpaläolithischen Funde wirkt in der Machart jünger. Die Stücke haben oft eine schwächere weisse Patina. Darunter finden sich schlanke Mehrfachstichel, Zwillingsstichel und Doppelstichel sowie Kombinationswerkzeuge. Das abgebrochene Ende einer Gravette Spitze, ein klassischer Zinken sowie eine Anzahl an kleinen, feinen Bohrern lassen den Schluss zu, das es auf dem Platz noch eine jüngere Komponente gibt. Rückenmesser fehlen aber. Zusammen genommen scheint ein Gravettien am wahrscheinlichsten.

Zu den eindeutigen Werkzeugen gesellen sich einige tausend einfache Abschläge und Klingen, Kerne, Absplisse und artifizielle Trümmer.

Ein besonders seltener Fund sind drei schwarze Stücke organischen Materials, die vermutlich aus Birkenpech bestehen. Ausserdem fand sich eine alt beschnittene Rippe, möglicherweise vom Wildpferd. Diese Funde könnten mit dem Jungpaläolithikum in Zusammenhang stehen. Auch ein fossiler Herzseeigel, eine Muschel und ein kleiner Bergkristall müssen eingebracht worden sein.

Ein großes Beinknochenfragment eines Grosssäugers wie Mammut oder Wollnashorn sowie weitere Knochenstücke runden das Fundspektrum ab.