Bipolare Kerne | Steinzeit & Co

Bipolare Kerne

Negative und Schlagrichtungen

Strandfund Ostsee, Negative und Schlagrichtungen graphisch hervorgehoben

Ansichten

Bipolarer Kern, Ansichten

Bipolare Kerne besitzen zwei gegenüberliegende Schlagflächen, von denen aus die Klingen in wechselnder Richtung abgebaut wurden. Durch die gegenläufige Schlagrichtung wird die Krümmungen der Klingen reduziert, so können relativ gerade Klingen gewonnen werden.

Schon im mittleren Jungpaläolithikum treten gelegentlich bipolare Kerne auf.1 Es handelt sich dabei um echte bipolare Kerne, bei denen regelmäßig, Abb. A, oder unregelmäßig wechselnd, Abb. B, Klingen von zwei Schlagflächen aus geschlagen wurden.

Grafik bipolar

Abbausrichtungen schematisch dargestellt

Im Laufe des Abbaus von Klingenkernen sind oft Korrekturen nötig. Um steckengebliebene Abschläge zu entfernen oder die notwendige Wölbung der Abbaufläche wieder herzustellen,2 wurden gelegentlich Abschläge vom Kernfuß aus getätigt.3 Obwohl dieser Vorgang einem bipolaren Abbau ähnelt, handelt es sich lediglich um Präparationen der Abbaufläche.

Auch ausgesplitterte Stücke zeigen in der Regel bipolare Abhebungen, diese entstehen beim Aufsetzen auf eine harte Unterlage. Dabei handelt es sich jedoch nicht um einen zielgerichteten Abbau, sondern um eine nicht-intentionelle Formgebung durch den Gebrauch. In den Fällen, in denen ausgesplitterte Stücke als Kern angesprochen werden, handelt es sich nicht um die bipolare Abbaumethode, allenfalls um bipolare Zerlegung4 oder bipolare Ambosstechnik.5

Ausgesplittertes Stück, Richtung der Negative

Ausgesplittertes Stück, Richtung der Negative

Ausgesplittertes Stück, Finder Michael Wutz

Ausgesplittertes Stück, Ansichten, Finder Michael Wutz

Diese bipolare Abbaumethode ist unter anderem schon im Neolithikum von Kaletepe, spätes 8. Jahrtausend BC nachgewiesen. Im Mesolithikum wurden Kerne häufig bipolar abgebaut.6 Bipolare Kerne sind auch in Inventaren der Bandkeramik relativ zahlreich anzutreffen, auch aus der Grubenkeramischen Kultur Dänemarks sind sie bekannt.7

Bipolarer Kern, Finder Robert Bollow

Bipolarer Kern, Bandkeramik, Schlagrichtungen

Bipolarer Kern, Bandkeramik, Finder Robert Bollow

Bipolarer Kern, Ansichten, Finder Robert Bollow

  1. Clemens Pasda, Grundformerzeugung im mittleren Jungpaläolithikum, in Floss (Hrsg.) Steinartefakte vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit, Tübingen 2012, Kerns Verlag, S. 372
  2. vergl. Jürgen Weiner, Klingenproduktion im Neolithikum, in Floss (Hrsg.) Steinartefakte vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit, Tübingen 2012, Kerns Verlag, S. 693f
  3. vergl. Martin Heinen, Grundformproduktion und -verwendung im frühen Mesolithikum Mitteleuropas, in Floss (Hrsg.) Steinartefakte vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit, Tübingen 2012, Kerns Verlag, S. 541
  4. Joachim Hahn, Erkennen und Bestimmen von Stein– und Knochenartefakten, Archaeologica Venatoria, Band 10, Tübingen, 1991, S.59
  5. Lutz Fiedler/ G. und W. Rosendahl, Altsteinzeit von A bis Z, Publikationen der Reiss-Engelhorn-Museen, Band 44, WBG, Darmstadt, 2011, S. 60
  6. Martin Heinen, 2012, S. 543
  7. Jürgen Weiner, 2012, S. 712