Neubewertung der Oldowanindustrie

Lange Zeit hatte die von Mary Leakey entwickelte Typologie der Oldowanartefakte Bestand. → Ar­ti­kel: Ol­do­wa­n­ar­te­fakte nach Mary Lea­key. Neue Untersuchungen von Oldowaninventaren mit Zusammensetzungen und Gebrauchsspurenanalysen sowie Vergleiche experimentell erzeugter Schnittmarken an Knochen1 führen jedoch zu anderen Ergbnissen.

Die von Mary Leakey als heavy-duty-tools bezeichneten Stücke entpuppen sich meist als Kerne oder Schlag- und Klopfsteine;2 nach Toth gilt das für Chopper, Grobschaber, Polyeder, Diskoide, Sphäroide und gebrauchte Stücke.3

Ignacio de la Torre und Rafael Mora untersuchten die von Leakey beschriebenen Inventare des Olduvai I und II. Dabei kamen sie ebenfalls zu dem Ergebnis, dass es sich bei Choppern, Polyedern und Sphäroiden um unterschiedlich intensiv genutzte Kerne handelt, die im Falle der Polyeder und Sphäroide als Schlag- oder Klopfsteine weiter genutzt wurden.4

Die von Leakey wenig beachteten Abschläge waren demnach Ziel der Steinbearbeitung, Untersuchungen ergaben die Nutzung vorwiegend unretuschierter Abschläge zur Holzbearbeitung und für Schlachtarbeiten.5 Schnittspuren an Tierknochen belegen ebenfalls den Gebrauch von unretuschierten Abschlägen; die Schnittspuren passen nicht zu den Geröllgeräten.6

Zusammensetzungen belegen Abbausequenzen von über 50 Abschlägen, ein weiteres Indiz für eine Abschlagindustrie.7 Aus dieser Sicht war das Oldowan demnach keine Geröllgeräteindustrie, sondern eine einfache Abschlagindustrie mit unretuschierten und retuschierten Abschlägen, die als Werkzeuge Verwendung fanden.8

  1. David R. Braun et al.. An experimental investigation of cut mark production and stone tool attrition, J. Archaeol. Sei. (2007), S. 5, PDF
  2. Nicholas Toth, Kathy Schick, The Oldowan: Case Studies Into the Earliest Stone Age, Chapter 1, An Overview of the Oldowan Industrial Complex: The Sites and the Nature of Their Evidence, in Stone Age Institute Publication Series, Number 1, 2006, S.4, PDF
  3. Nicholas Toth, Kathy Schick, 2006, S.7f
  4. Ignacio de la Torre, Rafael Mora, A technological analysis of nonflaked stone tools in Olduvai Beds I & II. Stressing the relevance of percussion activities in the African Lower Pleistocene, PALEO Numéro spécial (2009-2010), p. 13-34S.20ff, PDF
  5. Sileshi Semaw, The World’s Oldest Stone Artefacts from Gona, Ethiopia: Their Implications for Understanding Stone Technology and Patterns of Human Evolution Between 2,6-1,5 Million Years Ago, in Journal of Archaeological Science (2000) 27, S. 1197; Nicholas Toth, Kathy Schick, 2006, S. 19
  6. Nicholas Toth, Kathy Schick, 2006, S. 19
  7. Miriam Noël Haidle, in Floss (Hrsg.) Steinartefakte vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit, Tübingen 2012, Kerns Verlag, S. 162
  8. Thomas Plummer, Flaked Stones and Old Bones: Biological and Cultural Evolution at the Dawn of Technology, in Yearbook of Physical Anthroplogy 47/2004, S. 118-164, S. 130, PDF; Susan Keates: The Movius Line, Fact or Fiction? In: Bulletin of the Indo-Pacific Prehistory Association. Vol. 22, 2003, S. 17, PDF; Nicholas Toth, Kathy Schick, 2006, S. 34