Altpaläolithikum | Steinzeit & Co

Altpaläolithikum

Verändert nach Noel Feans

Olduvai Gorge, verändert nach Noel Feans CC-BY-2.0 via Wikimedia Commons

Das Altpaläolithikum beginnt vor etwa 2,5 Millionen Jahren1 mit dem Auftreten erster Steinwerkzeuge und endet mit dem Beginn des Mittelpaläolithikums um 300.000 Jahre BC.

Menschheitsentwicklung in Afrika | Steinwerkzeuge | Besiedlung Europas | Klima des Eiszeitalters

Menschheitsentwicklung in Afrika

Vor 6 bis 8 Millionen Jahren begann die Menschheitsentwicklung;2 sie verlief nicht eingleisig wie der Begriff Stammbaum impliziert, vielmehr existierten verschiedene Frühmenschenformen über lange Zeiträume hinweg gleichzeitig nebeneinander. Nur wenige entwickelten sich weiter, Homo erectus ist der gemeinsame Vorfahr von Homo neandertalensis und Homo sapiens.

Was den Menschen letztlich zum Menschen macht und von anderen Primaten unterscheidet,3 ist im Grunde eine philosophische Frage.4 Mit dem Aufkommen der ersten modifizierten Steinwerkzeuge beginnt per Definition die Steinzeit.

Auslöser der Evolution war ein Klimawandel in Afrika – vor etwa 20 Millionen Jahren bildete sich durch die Plattentektonik in Ostafrika ein großer Grabenbruch, an dessen Rand sich hohe Bergketten empor schoben. Diese versperrten allmählich den regenreichen Westwinden den Weg, sodass sich die ehemals tropischen Regenwälder drastisch verkleinerten und schließlich einer trockenen Savanne wichen. Mit dem Schwund der Wälder war eine neue Fortbewegungsart notwendig – der zweifüßige Gang. Die Fortbewegung auf zwei Beinen in der Savanne war effizienter, die Hände waren frei und konnten vielseitig eingesetzt werden.

Spur

Abb 1: Die ältesten menschlichen Fußspuren der Welt, etwa 3,6 Mio Jahre alt 5

Steinwerkzeuge

FundstellenDie ältesten derzeit bekannten Steinwerkzeuge stammen aus Ounda Gona, Äthiopien, und werden auf etwa 2,6 Millionen Jahre datiert.6 Die ältesten Fundstellen liegen im ostafrikanischen Grabenbruchsystem; in Süd- und Nordafrika gefundene Steinwerkzeuge sind jünger.7 Paläogenetische Untersuchungen weisen jedoch darauf hin, dass die Menschheitsentwicklung in Südafrika begann, dort wären potentielle Fundstellen noch älterer Steinwerkzeuge. Die außergewöhnlich guten Fundumstände in Ostafrika verzerren das Bild.

Die altpaläolithischen Steinwerkzeuge wurden nach der Fundstelle Olduvai Gorge, Tansania, von Mary Leakey als Oldowanwerkzeuge bezeichnet. Mary Leakey entwickelte die gebräuchlichste Typologie dieser Werkzeuge. → Artikel: Oldowanartefakte nach Mary Leakey Neben Abschlägen beschreibt sie verschiedene Geröllgeräte. Neuere Untersuchungen weiterer Oldowaninventare kommen zu anderen Ergebnissen.8  → Artikel: Neubewertung der Oldowanindustrie

Mit zeitlicher Überschneidung schließt das Acheuléen an das Oldowan an. Im Acheuléen treten die ersten Protofaustkeile auf, sie sind etwa 1,8 Millionen Jahre alt.9 Das Acheuléen ist die älteste europäische Steinindustrie; die wichtigste und bekannteste Leitform ist der Faustkeil, der sich aus dem Protofaustkeil entwickelte → Artikel: Pro­to­f­aust­keil Protofausteile ähneln bifaciellen Geröllgeräten, mit wenigen Schlägen wurde ein spitzer Umriss geformt.10 Im späten Acheuléen wurde die Faustkeile flächenretuschiert. Die Formgebung ging weit über das notwendige Maß hinaus, daraus kann auf eine Wertschätzung der Werkzeuge geschlossen werden.

Faustkeile werden hauptsächlich der Zerlegung der Jagdbeute gedient haben; auch die Bearbeitung organischer Rohstoffe wie Holz ist nachgewiesen. Neben den aufgeführten Steinwerkzeugen wurden auch unmodifizierte Abschläge genutzt.11 Cleaver, auch Breitkeile, sind eine besondere Form altpaläolithischer Faustkeile. Sie besitzen an Stelle einer Spitze eine Schneide und wurden meist aus großen Abschlägen gefertigt.12

Die ältesten europäischen Steinwerkzeuge stammen von der Fundstelle Dmanisi in Georgien. Sie sind rund 1,8 Millionen Jahre alt und werden noch dem Homo ergaster zugeordnet. Diese Population konnte jedoch nicht dauerhaft Fuß fassen.

Besiedlung Europas

Lange Zeit wurde Homo erectus undifferenziert betrachtet. Erst in jüngerer Zeit sind die Anthropologen dazu übergegangen, dieser Menschenform auf verschiedenen Kontinenten und in verschiedenen Entwicklungsstufen auch unterschiedliche Namen zu gegeben. Die afrikanische Frühform heißt nun Homo ergaster, nur die späten afrikanischen und asiatischen Formen werden noch Homo erectus genannt; europäische Formen tragen jetzt den Namen Homo heidelbergensis.13

Der Denisova-Mensch ist erst vor Kurzem genetisch nachgewiesen worden, seine Rolle in der Evolution ist noch weitgehend unerforscht. → Artikel: Der Denisova-Mensch

Vor etwa 2 Millionen Jahren verließ Homo ergaster den afrikanischen Kontinent und breitete sich nach Eurasien aus. Plattentektonische Ereignisse führten zu tiefgreifenden Klimaveränderungen, dadurch wurde die Erschließung neuer Lebensräume begünstigt, beziehungsweise erst ermöglicht.14 Mit der georgischen Fundstelle → Dmanisi ist der erste (Ost-) Europäer nachgewiesen.15 Einer weiteren Ausbreitung von dort aus nach Mitteleuropa standen jedoch die europäischen Gebirgszüge als natürliche Barriere entgegen.16 Die Oldowan-Werkzeuge von Dmanisi sind rund 1,8 Millionen Jahre alt. Die frühe Population von Homo ergaster außerhalb Afrikas konnte jedoch nicht dauerhaft Fuß fassen. Es werden mehrere erfolglose Ausbreitungswellen aus Afrika Richtung Eurasien angenommen.17

Letztlich begann auch in Europa die Steinzeit. Die ältesten Menschennachweise stammen aus Südeuropa. Die Fundstellen befinden sich südlich einer gedachten Linie von den Pyrenäen-Alpen-Karpaten. Nördlich dieser Linie sind die Fundstellen deutlich jünger. Denkbar ist eine Erstbesiedlung Südeuropas, der eine zweite, jüngere Einwanderung vom Nahen Osten über Asien nach Mittel- und Nordeuropa folgte.

Bisher ist ungeklärt, auf welchem Wege Spanien und später Italien erreicht wurden;18 der Weg über Gibraltar wird für möglich gehalten. Die ältesten Menschennachweise stammen aus der Sierra de Atapuerca, Spanien. Von dort stammen Menschenreste, die auf 1,2 bis 1,3 Millionen Jahre datiert werden. Unlängst ist die DNA eines etwa 400.000 Jahre altes Individuums aus der Sima de los Huesos, Sierra de Atapuerca, Spanien, untersucht worden. → Artikel: Genomforschung

Die ersten Menschen in Deutschland sind durch den Unterkiefer von Mauer, etwa 400.000 bis 650.000 Jahre,19 nachgewiesen. Die Freilandstation Bilzingsleben wird auf 400.000-350.000 Jahre datiert. Miesenheim I und die Fundschicht G von Kärlich, beide nahe Koblenz, sind sicherer datiert, auf etwa 500.000 Jahre. Der Fundort Schöningen ist in der Datierung umstritten.20 Aus Nordrhein-Westfalen fehlen gesicherte Belege für eine Besiedlung im Altpaläolithikum,21 obwohl das Niederrheingebiet über weite Zeiträume günstige Lebensbedingungen bot.

Homo sapiens, der Moderne Mensch, tritt erst deutlich später auf. In Afrika sind die bisher ältesten Nachweise von Homo sapiens 200.000 Jahre alt. Bei der Verbreitung des Modernen Menschen spielt wieder das Klima eine entscheidende Rolle. Die Sahara, eine natürliche Barriere, verwandelte sich zeitweise in eine grüne Savanne und ermöglichte so die Ausbreitung des Menschen.22 Vor weniger als 100.000 Jahren begann die Ausbreitung des Modernen Menschen außerhalb von Afrika, Out of Afrika II. Über Asien wurde vor etwa 40.000 Jahren auch Zentraleuropa erreicht. Dabei traf Homo sapiens auf Homo neanderthalensis, der jedoch vor etwa 30.000 Jahren endgültig aus der Weltgeschichte abtrat.23

Klima des Eiszeitalters

Das Klima änderte sich in den langen Zeiträumen der Altsteinzeit oft und grundlegend. In Afrika herrschte ein warmes Klima mit offenen Graslandschaften, vergleichbar mit der heutigen Serengeti. Vor mindestens 1,8 Mio Jahren gehörte auch der Süden Eurasiens zu den bewohnten Gebieten. Knochenfunde aus Dmanisi, Georgien, konnten dem Südelefanten, Nashörnern, zebraartigen Pferden, Hirschen, Rindern, Giraffen, Säbelzahnkatzen, Hyänen und Straußen zugeordnet werden.

Das Klima des europäischen Altpaläolithikums war nicht konstant, das Eiszeitalter führte zu großen Temperaturschwankungen. → Grafik: Eiszeitalter Zwischen den lebensfeindlichen Kaltzeiten, den Glazialen, lagen wärmere Abschnitte, die Interglaziale. Innerhalb der Kaltzeiten gab es auch gemäßigtere Phasen, die sogenannten Interstadiale. Deutschland war nur in klimatischen Gunstzeiten besiedelt; verschlechterten sich die Verhältnisse, fand die Tierwelt nicht genug Nahrung und wanderte ab. Der Mensch folgte seinen Beutetieren in wärmere Gebiete, so war Mitteleuropa und damit auch Deutschland über lange Zeiträume entvölkert.

Weitere Artikel zum Altpaläolithikum

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  1. neuere Forschungen deuten auf ein Alter von 2,6 Mio Jahren hin, José-Antonio López-Sáez und Manuel Domínguez-Rodrigo, Palynology of OGS-6a and OGS-7, two new 2.6 Ma archaeological sites from Gona, Afar, Ethiopia: Insights on aspects of Late Pliocene habitats and the beginnings of stone-tool use, in Geobios 42 (2009) 503–511, PDF
  2. Themenwand 1, Begleitheft zur Ausstellung Klima und Mensch – Leben in Extremen, Münster, 2006, S. 27
  3. vergl. Miriam Noël Haidle, Menschenaffen? Affenmenschen? Menschen! Kognition und Sprache im Altpaläolithikum, in Nicholas J. Conard (Hrsg.), Woher kommt der Mensch?, 2004, S. 74ff, PDF
  4. Plato definierte Menschen als zweibeinige Lebewesen ohne Federn. Als ihm dann ein gerupftes Huhn präsentiert wurde, erweiterte er seine Definition: Zweibeiniges Lebewesen ohne Federn mit breiten flachen Nägeln.
  5. veränderet nach David A. Raichlen et al, Laetoli Footprints Preserve Earliest Direct Evidence of Human-Like Bipedal Biomechanics, in PLoS ONE 5 (3), 2010, PDF
  6. Sileshi Semaw, The World’s Oldest Stone Artefacts from Gona, Ethiopia: Their Implications for Understanding Stone Technology and Patterns of Human Evolution Between 2·6–1·5 Million Years Ago, in Journal of Archaeological Science (2000) 27, 1197–1214, PDF; ders., Gona Palaeolanthropological research project fieldwork, February-March, 2010, Repot to the Leakey Foundation, PDF
  7. Tabelle mit Datierungen bei James B. Harrod, Synopsis of the palaeolithic Africa, Download von OriginsNet.org, Last updated 1.30.2007, PDF
  8. Michael Baales, Der Weg zum Neandertaler: Aspekte zur ältesten Besiedlung Afrikas und Eurasiens, in Roots — Wur­zeln der Mensch­heit, 2006, Bonn, S. 53, PDF
  9. Martin Vieweg, Werkzeugtechnologie neu datiert, Bilder der Wisssenschaft, Artikel vom 31.08.2011
  10. Fiedler et al, 2011, S. 301
  11. Fiedler et al, 2011, S. 13
  12. Fiedler et al, 2011, S. 84
  13. M. Bolus/R. W. Schmitz, Der Neandertaler, Ostfildern, 2006, S. 52
  14. A. Bojanowski, Verwerfung am Toten Meer – Schicksalslinie der Menschheit
  15. Jürgen Richter, Das Paläolithikum in Nordrhein-Westfalen, in Neandertaler & Co, Mainz, 2006, S. 93f
  16. R. W. Schmitz, Führung Landesmuseum Bonn, Animation; die Ausbreitung in die unwirtlichen Hochlagen der Gebirge war weder nötig noch durchführbar
  17. M. Bolus/R. W. Schmitz, 2006, S. 53
  18. Themenwand 4, Münster, 2006, S. 39
  19. Miriam Noel Haidle, AiD, 2007/6, S. 61
  20. Olaf Jöris, Michael Baales, Zur Altersstellung der Schöninger Speere, in Veröffentlichungen des Landesamtes für Archäologie, Band 57, Festschrift für Dietrich Mania, 2003, S. 281ff, PDF
  21. Jürgen Richter in Neandertaler & Co, Mainz, 2006, S. 95
  22. Berner Geologen konnten 4 humide Phasen nachweisen, Archäologie Online
  23. A. Naica-Loebell, Der moderne Mensch kam durch die Hintertür